"Die Herzen gewonnen": Ein Nachruf auf Hanshi Fritz Nöpel

Von Rainer Katteluhn

Im Alter von 85 Jahren ist der höchstgraduierte DAN-Träger im Deutschen Karate Verband (DKV) verstorben. Wir sind tief erschüttert und sehr traurig über seinen Tod! Unsere Gedanken sind bei seiner Frau Eiko, seinen Kindern und bei der Goju-Ryu-Gemeinschaft, die den Stilgründer verloren hat. Wir trauern mit ihnen!


Fröhlicher Optimismus, ein unerschütterlicher Glaube an die große Bedeutung des Karate, ein heiteres und gelassenes Wesen und große Bescheidenheit kennzeichneten Fritz Nöpel. Er wusste um seine Leistungen und Verdienste, stellte aber die Sache stets vor die eigene Person und konnte mit seiner Art die Herzen vieler Menschen gewinnen.


"Der Weg ist immer die Menschwerdung"


Dabei spielte sicher eine große Rolle, dass er die Karate-Stile nicht als Abgrenzung gegeneinander verstand. Für ihn waren sie eher wie unterschiedliche Dialekte derselben Sprache. Sein profundes und umfassendes Wissen um das Karate machten es ihm leicht, anderen Menschen den Blick über den Tellerrand scheinbar trennender Aspekte in der Karate-Kunst zu ermöglichen.


1967 gründete Fritz Nöpel das erste Goju-Ryu Dojo in Dortmund - und 1972 den Goju-Ryu Karate Verband Deutschland (GKD). Als Stilgründer war er eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Karate. Über 24 Jahre blieb er Präsident des Verbandes und war bis zuletzt dessen Ehrenpräsident.

Gemeinsam mit Pieter Harms (Belgien) und Harry de Spa (Niederlande) gründete Fritz Nöpel 1986 die Europäische Goju-Ryu Karate-Do Föderation (EGKF) und übernahm für 15 Jahre die Präsidentschaft. Bis zuletzt war er Ehrenpräsident der EGKF. Im Laufe der Jahre hatte er viele weitere Ämter im Karate inne.


Über die Gründung von rund 30 Dojos hat er sein Karate in Deutschland verbreitet und zu einem anerkannten Stil gemacht. Er ist deshalb unbestritten einer der Pioniere des Karate in Deutschland.


Es war ihm ein dringendes Bedürfnis, seine profunden Kenntnisse mit möglichst vielen Menschen zu teilen und seine traditionell geprägte Auffassung von Karate als effektiver Kunst zur Selbstverteidigung zu verbreiten. Nöpel verstand die Kampfkunst als eine lebenslange Schulung des Körpers, des Geistes, der Seele und des Charakters und damit als ganzheitlichen Lebensweg (Do). Das Wichtigste im Karate-Do war für ihn die Charakterschulung. Gern sagte er seinen Schülern "der Weg ist immer die Menschwerdung" und brachte damit seine Auffassung von Karate auf den Punkt.


Bis zuletzt war Fritz Nöpel mit ungebrochenem Einsatz und großer Freude bundesweit unterwegs, um seine technische und intellektuelle Auffassung von Karate zu verbreiten. Pro Jahr gab er rund 50 Tages- und Wochenendlehrgänge im In- und Ausland. Bei etwa 25 DAN-Prüfungen übernahm er jährlich den Vorsitz. Vielen Karateka (auch aus anderen Stilrichtungen) war es deshalb eine große Ehre, bei diesem Großmeister ihre Prüfung ablegen zu dürfen.


Ein Pionier und Allrounder mit hoher Anziehungskraft

Regelmäßig reisten zu dem Sommerlehrgang hochkarätige Trainerinnen und Trainer aus Japan an und unterrichteten in Kamen. Sein Meister Tomoharu Kisaki (9. DAN) besuchte Nöpel 19 Mal in Deutschland. Kisaki machte ihn noch zu Lebzeiten zum offiziellen Beauftragten des Goju-Ryu für Deutschland.


Ab 1986 wandte sich Fritz Nöpel besonders dem Karate für Jukuren (Lebenserfahrene) und damit den älteren Menschen zu. Er baute im DKV eine heute sehr wichtige Säule der Kampfkunst auf und erweiterte das Trainingsspektrum um Methoden, die älteren Menschen eine aktive und lebenslange Teilnahme am Karate ermöglichen. Auch in dieser Hinsicht war er ein Pionier.


Im Laufe der Jahre hatte der Allrounder zahlreiche Auszeichnungen erhalten. So erhielt er unter anderem alle Ehrungsstufen der Verdienstplakette des Karate-Dachverbandes NRW, alle Verdienststufen möglicher Ehrungen des DKV (die Nadel in Platin 2016) und die Ehrenamtsauszeichnung des Landes NRW. Darüber hinaus wurde ihm die Goldene Plakette und die Goldene Karate-Do-Nadel des Yuishinkan-Verbandes in Japan verliehen. Weitere Ehrungen gab es in Portugal, auf Okinawa und von der Stadt Kamen. 2016 wurde ihm von der Goju-Ryu-Organisation auf europäischer Ebene der 10. DAN verliehen; 2017 wurde diese Graduierung vom DKV anerkannt.


Wir haben einen großen Meister und eine herausragende Persönlichkeit verloren. Wenn Fritz Nöpel sich etwas hätte wünschen können, dann hätte er es sicher gern gesehen, wenn möglichst viele Menschen in seinem Sinne weiter Karate betreiben und verbreiten. Dazu können wir einen Beitrag leisten und so sein Vermächtnis ehren.


Der Autor Rainer Katteluhn ist Präsident des Karate Dachverbandes Nordrhein-Westfalen und Träger des 7. DAN.


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